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German Writing Contest

EBGIS's first middle school German writing contest was a success -- the jury was impressed not only by the number of participants but also by the quality of texts submitted. The winning story was chosen by a jury consisting of an alumnus, a parent volunteer and a teacher.


Featuring a gripping plot, an intercultural component and an imaginative tie-in to the current coronavirus situation, the winning story was written by sixth grader Nellie Zakharov. Titled: "Wie die Welt der Ratte eine Krone aufsetzte" ("How the World Crowned a Rat").



Wie die Welt der Ratte eine Krone aufsetzte

Eine wahre Geschichte über das Leben eines chinesischen Schulmädchens.Vielen Dank an Wai, die mir über das Leben in Hongkong erzählt hat.

Bevor das alles passiert ist, war mein Leben noch ganz normal. So normal wiedas Leben bei uns in Hongkong eben ist. Meine Familie, Freunde und ich freutenuns sehr auf die bevorstehenden Neujahrsferien und auf das Jahr der Ratte.

Jeden Tag laufe ich mit meiner besten Freundin Ling in die Schule. Dasdauert ungefähr 20 Minuten. Auf dem Heimweg haben wir uns manchmal auf derQueens Road ein kleines chinesisches Eiertörtchen bei Bäcker Zhang gekauft. Alsich zuhause angekommen war, waren Mama und Papa noch in der Arbeit undmein kleiner Bruder Ming-Ming war bei seinem Tai-Chi-Unterricht. Nur Por Porwar da. So nennen wir unsere Oma. Montags kocht sie immer, denn Mama undPapa müssen lange arbeiten. Während Por Por ihre berühmte Gai-Tong-Suppemacht, erledige ich meine Hausaufgaben. Wenn ich damit fertig bin, decke ich denTisch und dann warten Por Por und ich auf den Rest der Familie. Als ersteskommt Ming-Ming. Er hat noch Zeit seine Tai-Chi-Uniform auszuziehen bevorMama und Papa auch kommen. Dann klingelt es! „Sie sind da!“, rufe ich ganzlaut, sodass Ming-Ming mich in seinem Zimmer auch gut hören kann. Der besteTeil des Tages ist, wenn wir uns zusammen an den Tisch setzen und Por PorsSuppe genießen können. Por Por kann sehr, sehr gut kochen. Am allerbestenschmeckt aber ihre Gai-Tong Suppe und ihr gebratener Reis mit Schweinefleisch.

Jeden Sonntag gehe ich mit Ming-Ming und Por Por in die Bibliothek. Ichlese sehr gern und sehr viel. Por Por hat eine lustige Regel gemacht: Man darf soviele Bücher ausleihen wie man will, man muss sie nur alleine nach Hause tragenkönnen. In der Bibliothek gibt es verschiedene Abteilungen: Eine Kinderecke,eine Ecke mit Schulbüchern und eine Sitzecke, wo die Omas sich immerversammeln. Aber sie lesen nicht. Sie reden. Sie reden viel und lange. Das findeich immer sehr interessant. Lings Ah Ma war heute da. Ah Ma ist eine anderesWort für Oma. Eine Ah Ma ist die Mutter deines Vaters und Por Por ist die Mutterdeiner Mutter. Weil ich keine Ah Ma mehr habe, ist mir Lings Ah Ma sehr wichtig.Sie ist ein bisschen wie meine richtige Ah Ma. Heute erzählte Ah Ma über einVirus, das in einer Stadt in Festlandchina entdeckt wurde und schon vieleMenschen krank gemacht hatte. Viele sind sogar schon daran gestorben. DasVirus hieß Coronavirus.

Übrigens, mein Name ist Mingmei, ich bin 12 Jahre alt und wohne mitmeiner Familie in Hongkong. Ich möchte euch erzählen, wie die Welt der Ratteeine Krone aufsetzte.

Es war der letzte Tag vor den chinesischen Neujahrsferien. Heute lief Ming-Ming mit mir und Ling nach Hause. Wir haben uns alle auf die Ferien und aufNeujahr gefreut. In der Schule ist vor dem Neujahrsfest immer viel los. Allefreuten sich auf die zwei Wochen Ferien. Von dem Virus war keine Rede.

Die ersten Ferientage gingen sehr schnell vorbei. In den Nachrichten gab esjetzt jeden Tag Meldungen zum Thema Coronavirus. Langsam wurde ich nervös.Was war denn dieses Virus genau? Ich fragte Papa. „Papa, was macht denn diesesVirus eigentlich?“, fragte ich. „Wo kommt es überhaupt her? Was tut es mit denMenschen, die es kriegen?“ Papa versuchte mir alles so gut er konnte zuerklären. Das Coronavirus kam von einem Wildtier-Markt aus der Stadt Wuhan.Wenn Menschen es bekommen, kriegen sie hohes Fieber, und das Atmen wirdschwerer und schwerer. Das klang gar nicht gut.

Ein paar Tage später kriegte Ming-Ming eine Nachricht, dass seine Schulenach den Ferien geschlossen bleibt. Als erstes freute er sich. Er dachte nämlich,dass er nun einfach längere Ferien hat. Die gab es aber nicht. Alle Schulen inHongkong würden bis auf weitere Hinweise schließen. Würde meine Schule auchschließen? Später am Abend bekam auch ich eine Nachricht von meiner Schule.Sie würde auch geschlossen bleiben. Ich hatte viele Fragen. Wann wird die Schulewieder öffnen? Wie werden wir weiterlernen? Dürfen wir gar nicht aus demHaus? Darf ich mich noch mit Ling treffen? Ich konnte in dieser Nacht kaumeinschlafen.

Am nächsten Morgen wurde es nochmal im Fernsehen erklärt, warum dieSchulen überhaupt schließen müssen. Um uns alle zu schützen, sollte ab morgenAusgangssperre herrschen. Das bedeutete, dass wir nicht mal das Haus verlassendurften. Ming-Ming geriet in Panik. „Oh nein! Wir können nie mehr aus demHaus!“, schrie er. Por Por und ich rollten die Augen. „Wir müssen noch einkaufen,damit wir auch etwas zu essen haben“, sagte Por Por. Normalerweise würdenMing-Ming und ich einkaufen gehen, aber heute, als ich die Einkaufstasche nahm,nahmen Mama und Papa sie mir weg. „Wir machen das.“, sagte Mama. Papanickte. Das war nicht normal.

Das Neujahrsfest zu feiern hatte keiner mehr richtig Lust. Ming-Ming undich malten viele Bilder mit Ratten. Große Ratten und kleine Ratten. Wir hingensie ins Fenster. Als uns langweilig wurde, malten wir ihnen kleine Schnurrbärte.Weil der Coronavirus aussah, als ob er Zacken wie eine Krone hatte, malte ichmeinen Ratten auch Kronen. So fingen wir das Jahr der Ratte an.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte und in die Küche kam, war Por Pornirgends zu sehen. Ich rannte zu ihrem Zimmer und rüttelte am Türgriff. Es warzugeschlossenen. Mein Herz raste. Ich klopfte. Mama kam raus und machte dieTür fest hinter sich zu. “Por Por muss jetzt in Quarantäne. Alte Menschen sindbesonders anfällig und Por Por darf auf keinen Fall angesteckt werden!“

Es war Montag. Jetzt wo Por Por in Quarantäne war, kochte Papa dengebratenen Reis. Er versuchte ihn genau so zu machen wie Por Por, mit demSchweinefleisch. Als Papa den Reis auf den Tisch stellte, merkte ich schon, dassdamit etwas nicht stimmte. Er roch ganz anders. Mama gab mir eine Schüsselvoll. Ich probierte. Ich wusste sofort, was fehlte ... das Fleisch! „Wir wollen keinRisiko eingehen. Wir essen lieber kein Fleisch. Nur um auf Nummer sicher zugehen.”, sagte Papa. Gebratener Reis ohne Fleisch? Das war nicht normal!

Erst Stunden, dann Tage und Wochen und inzwischen haben wir schon einpaar Monate Ausgangssperre. Jeden Tag gehe ich auf meine Schulwebsite, mitder Hoffnung, dass die Schule irgendwann wieder aufmacht. Ming-Ming und ichhaben den ganzen Tag Online-Unterricht. Das kann nach einer Weile sehranstrengend werden. Wenn die Schule vorbei ist, ziehen wir unsere Masken an,die Por Por für uns genäht hat und gehen ein bisschen spazieren. Manchmalsehen wir sogar Lings Familie, wenn sie auch spazieren gehen, aber wir dürfennur winken. Sie tragen auch alle Masken. Abends schauen wir Fernsehen oderspielen Mahjong. Jeden Tag machen wir das Gleiche. Wann ist das endlichvorbei?

Papa schaut sich jeden Tag die Corona-Wachstumsrate an. Das Virus hatsich nun auf der ganzen Welt verbreitet. In vielen Ländern und Erdteilen sindMenschen krank und sehr viele sind schon gestorben. Niemand kann das Virusstoppen. So etwas nennt man Pandemie. Heute haben wir irgendwo gelesen, dasses in China jetzt weniger Fälle gibt. Trotzdem müssen alle Schulen bis zum Endedes Schuljahres zu bleiben. Um uns alle zu schützen.

Jetzt sitzen wir schon so viele Monate hier fest und meine beste FreundinLing werde ich wohl erst nach den Sommerferien wieder richtig treffen können.Hoffentlich! Dass eine kleine Geschichte, die Ah Ma an einem Sonntag in der Bibliothek erzählt hatte, so eine Pandemie wird …, das hatte niemand geahnt!